Antike Quellen

Ktesias, Indika: weißer indischer Esel mit Spitzhorn, eineinhalb Ellen lang, am Ansatz weiß, in der Mitte schwarz und an der Spitze purpurn:
“In Indien gibt es eine bestimmte Art von Wildeseln, die die Größe von Pferden erreichen, ja, sogar noch größer werden können. Ihre Leiber sind weiß, ihre Köpfe dunkelrot und ihre Augen dunkelblau. Aus der Stirn ragt ihnen ein etwa anderthalb Fuß langes Horn, das, zu Staub zermahlen und in einem Getränk aufgelöst, ein sicheres Mittel auch gegen das stärkste Gift abgibt. An seinem unteren Ende, etwa zwei Handbreiten über den Brauen, ist das Horn von reinem Weiß, der mittlere Teil ist schwarz, die Spitze scharf und von lebhaftem Rot. Wer aus diesen Hörnern trinkt, wenn sie zu Gefäßen verarbeitet sind, soll gegen die heilige Krankheit (Epilepsie) gefeit sein. Auch gegen Gifte ist man gefeit, wenn man Wein, Wasser oder was sonst immer aus solchen Gefäßen trinkt, wobei es gleichgültig ist, ob man das Gift vorher oder nachher zu sich nimmt ...”
aus der auf uns überkommenen gekürzten Fassung des Photius, Patriarch von Konstantinopel, um 900 n.Chr. (also 1300 Jahre nach Ktesias)

Monocerus
nach Petrus Candidus

Megasthenes, Indika: Pferdegröße, Hirschkopf, Schweineschwanz, Elefantenfüße, gewundenes Horn, indischer Name: kartazon

Aelian, De natura animalium: Wiederholung der Berichte des Ktesias unter Anfügung der Darstellung des Megasthenes
Er berichtet von einem unzugänglichen Gebirge im Inneren Indiens und vom Einhorn, “das sie dort ‘Cartázonos’ nennen. Dieses Tier ist so groß wie ein ausgewachsenes Pferd, hat eine Mähne, starkes Haar, Füße wie ein Elefant und einen Ziegenschwanz. Es ist außerordentlich behende.” Der Name ‘Cartázonos’ ist wahrscheinlich die griechische Verballhornung der Sanskrit-Bezeichnung “Kartajan” (Herr der Wüste oder Herr der Wildnis).

Bei Megasthenes und Aelian liegt trotz der Beschreibung eines nashornähnlichen Tieres keine Verwechslung mit ihm vor, da sie im Folgekapitel ausdrücklich das Nashorn beschreiben.

Aristoteles, De partibus animalium, schöpft aus Ktesias indischem Esel als Beispiel für die Einheit von Einhufigkeit und Einhörnigkeit.

Plinius d. Ä.,Naturalis historia. Seine Ausführungen zum Einhorn beruhen auf Aristotels.
Die Oräischen Inder machen Jagd auf ein außerordentlich wildes Tier, das sie ‘Monoceros’ nennen. Es hat einen Hirschkopf, Elefantenfüße und den Schwanz eines Ebers. Sein übriger Körper gleicht dem eines Pferdes. Es stößt einen tiefen, dunklen Laut aus, und auf der Mitte seiner Stirn wächst ihm ein schwarzes Horn von etwa zwei Ellen Länge. Es wird behauptet, man könne dieses Tier nicht lebendig fangen.”

Solinus, Collectanea, wiederholt wie Aelian die Berichte des Ktesias und Megasthenes und kehren wie die des Aelian in den mittelalterlichen Enzyklopädien wieder.
Das grausamste Tier aber ist das Einhorn, ein Ungeheuer, das ein entsetzliches Gebrüll ausstößt, einen Pferdekörper mit Elefantenfüßen hat, dazu einen Schweineschwanz und den Kopf eines Hirschen. Mitten aus seiner Stirn ragt ihm ein Horn, wundervoll leuchtend, von etwa vier Fuß Länge, das so scharf  ist, daß es mit Leichtigkeit alles durchbohren kann. Niemals fängt man es lebend; vielleicht kann man es töten, aber einfangen kann man es nicht.”

Auch Plinius und Solinus verwechseln das Einhorn nicht mit dem Nashorn, da sie diesem eigene Abhandlungen widmen.

Sicherlich sind auch Abbildungen von Fabeltieren in Babylon über Mesopotamien hinaus bekannt geworden:

Gehörnter Schlangendrachen,
das Emblemtier des Stadtgottes Marduk,
Istar-Tor, Babylon, 6. Jh. v. Chr.

Istar-Tor, Babylon, 6. Jh. v. Chr.

Löwe verschlingt einen Stier
Relief an der Palasttreppe, Persepolis

Löwe reißt einen Stier
Relief an der Palasttreppe, Persepolis
5. Jh. v. Chr.

Gefäß mit Fabeltieren,
Marlik, 13./12. Jh. v. Chr.