Barlaam und Josaphat

Die Legende Barlaam und Josaphat ist Bestandteil der Legenda aurea des Jacobus de Voragine. (Auch: Rudolf von Ems, Weltchronik. Hier wird bei der Einhornfanggeschichte die sogenannte Jungfräulichkeitsprobe erwähnt.)

Eine der zehn vanitas-Parabeln der Legende ist die Parabel vom Mann im Abgrund, auch Parabel vom Mann im Brunnen oder Parabel vom Lebensbaum genannt. Das Einhorn ist hier das Symbol des Todes für den, der nur nach den Genüssen des Lebens trachtet.

Eine griechische Fassung der Historia, auf die wohl alle abendländischen Versionen zurückgehen, wurde Ende des 10. Jh. angeblich von einem Mönch Euthymios von Ivirion aus einer georgischen Fassung übersetzt, welche verloren gegangen ist und vermutlich auf der griechischen ‘Erbaulichen Geschichte des Johannes Damazenus’ (8. Jh.) basierte. Diese wiederum soll über verschiedene christliche Erzählungen auf Buddha-Legenden aus dem 6. Jh. v. Chr. zurückgehen. Die Namen des Königssohnes Josaphat und des Wanderasketen Barlaam sind unschwer als Hoheitstitel Buddhas zu erkennen: Josaphat steht in Anlehnung an den Namen des judäischen Königs für griechisch Joasaf, dies wiederum entstand aus indisch bodhisat (=Erleuchtungswesen); Barlaam entstammt dem Sanskrit bhagavan (= der Erhabene). In den christlichen Versionen zeigt der Einsiedler Barlaam die Vanitas der Welt in einer Reihe von Parabeln auf: Todestrompete, Kästchenwahl, Jahreskönig, Drei Freunde, Lehrende Lerche und Mann im Abgrund als die bekanntesten, auch außerhalb der Barlaam und Josaphat-Legende erzählt. Obwohl ebenfalls indischen Ursprungs gehören sie nicht zur Buddha-Legende.

Die Parabel vom Mann im Abgrund gliedert sich in Erzählung und Allegorese:

Darnach hub Barlaam an, wider die betrügliche Lust und Eitelkeit dieser Welt zu sprechen, und gab davon mancherlei Besispiel: “Die, so an der leiblichen Lust dieser Welt hangen, und ihre Seelen lassen Hungers sterben, sind gleich jenem Manne, der mit Eilen vor einem Einhorn floh, daß er nicht von ihm werde verschlungen und in einen tiefen Abgrund fiel. Aber da er fiel, griff er mit seinen Händen einen Strauch, und fuhr mit seinen Füßen auf einen schlüpfrigen und haltlosen Grund. Aber wie er näher zusah, erblickte er zwei Mäuse, eine weiße und eine schwarze, die nagten ohne Unterlaß an der Wurzel des Strauches, daran er sich hielt, und er war schon nahe daran, daß er abreißen mußte. Auf dem Grunde der Höhle aber ersah er einen greulichen Drachen, der spie Feuer, und sein offener Rachen war bereit, ihn zu verschlingen. Aus dem schlüpfrigen Grund aber, da er mit seinen Füßen stund, reckten vier Schlangen ihre Häupter. Doch da er die Augen wieder aufhub, sah er ein Tröpflein Honig von den Zweiglein des Strauches rinnen. Da vergaß er aller Fährlichkeit, davon er umgeben war, und gab sich ganz der Süßigkeit des Honigs.
Das Einhorn aber bedeutet den Tod, der dem Menschen allzeit nachfolgt, ob er ihn möge ergreifen; der Abgrund bedeutet die Welt, die ist voller Übel. Der Strauch ist unser Leben, das wird verzehrt ohne Unterlaß von den Stunden des Tags und der Nacht als von schwarzen und weißen Mäusen; und nahet dem Falle. Der Grund mit den vier Schlangen, das ist der Leib, der aus vier Elementen ist zusammengesetzt, und sich auflöst, so dieselben in Unordnung kommen. Der greuliche Drachen ist der Höllenschlund, der uns allesamt zu verschlingen droht. Der süße Honig des Zweigleins aber ist die betrügliche Lust der Welt, damit der Mensch betrogen wird und seiner Fährlichkeit vergißt.”

Die Parabel von Mann im Abgrund hat vermutlich ihren Ursprung in der indischen Geisteswelt. Dort ist das verfolgende Tier ein zwölffüßiger Elefant, der das Jahr mit seinen sechs Jahreszeiten und zwölf Monaten versinnbildlicht. In der Bedeutung der Unbeständigkeit aller Dinge, zumeist aber des Todes, erscheint der Elefant sodann in jainistischen und chinesisch-buddhistischen Fassungen.

Eine Übersetzung aus der Mahabharata (cl. 126 - 147) von Friedrich Rückert lautet:

Ein Brahmane, welcher aus einem von Raubtieren und Schlangen erfüllten, rings mit Netzen umstellten, von einem fürchterlichen Weibe mit beiden Armen umspannten Walde einen Ausgang sucht, fällt in einen überwachsenen Brunnen, wo er mit dem Kopf nach unten in den Verzweigungen der Schlinggewächse hängen bleibt. Unter sich erblickt er eine gewaltige Schlange, über sich am Rande des Brunnens einen sechsköpfigen, zwölffüssigen Elephanten; der Baum, an dem er hängt, wird von schwarzen und weissen Mäusen benagt. Die Gefahr nicht achtend trinkt der Mann den Honig, welcher aus den Nestern der in den Zweigen hausenden Bienen zu ihm herabrinnt. - Der Wald ist der Samsâra (der Kreislauf der Wiedergeburt), die Tiere des Waldes die Krankheiten, das Weib das Alter, der Brunnen der menschliche Leib, die Schlange die Zeit, die Ranke, an der der Mann hängt, die Lebenshoffnung, der Elephant das Jahr mit seinen sechs Jahreszeiten und zwölf Monaten, die Mäuse die Tage und Nächte, die Bienen die Begierden, der Honig die sinnlichen Genüsse.

Ein zweiter Text steht in dem Sthavirâvalîcarita des Jaina Hemacandra II, cl. 191 ff.:

Der Mann gehört zu einer von Raubtieren überfallenen Karawane. Neben der Schlange (ajagara - Boa) in der Tiefe des Brunnens haben wir hier vier weitere Schlangen (ahi) an den Seiten. Schlinggewächse, Baum und Ranke der ersten Fassung sind hier deutlicher bestimmt als ein Feigenbaum (vata), dessen eine Luftwurzel in den Brunnen hinabreicht. - Der Mann ist der im Samsâra befindliche Mensch, der Wald der Samsâra, der Elephant der Tod, der Brunnen die menschliche Existenz, die Boa die Unterwelt, die vier Schlangen Zorn (krudhâdayah, d. h. offenbar krodha - Zorn), Stolz (mâna), Trug (mâyâ) und Begier (lobha), die Wurzel des Feigenbaums das Leben, die weisse und die schwarze Maus die helle und die dunkle Monatshälfte, die Bienen die Krankheiten, der Honig das Glück der sinnlichen Begierden.

Interessant auch die von Blau übersetzte nicht-christliche arabische Fassung der Barlaam und Josaphat-Legende ‘Bilauhar und Joasaph’

Der Brunnen ist die trübsalsvolle Welt; die beiden Äste sind das Leben; die beiden Mäuse sind die Nacht und der Tag, und die Hast, mit der sie die Äste zernagen, ist die Hast, mit der die Tage und Nächte das Leben kürzen; die Nattern sind die vier Grundsäfte (quatuor humores), die so beschaffen sind, dass wenn einer von ihnen losstürmt (d. h. aus dem Gleichgewichte mit den anderen herauskommt), er den Tod bewirkt; der Drache ist der lauernde Tod; die Bienen und Wespen sind die Widerwärtigkeiten und Trübsale; der Honig aber ist die thörichte Freude der Menschen in der Welt an der kurzen, mit Leiden und Beschwerden gemischten Sinnenlust, die sie darin erlangen, gleich dem mit den Stichen der Wespen und Bienen gemischten Honiggenuss.

und der von de Sacy ins französische übersetzten Fassung ‘Kalîlah und Dimnah’:

Der Brunnen, der ist die Welt, gefüllt mit den Gefahren und den Leiden. Die vier Schlangen, das sind die vier Säfte, deren Mischung unseren Körper formt, die aber, aus dem Gleichgewicht gebracht, ebensosehr sich in tödliches Gift wandeln: die zwei Ratten, die eine schwarz, die andere weiß, sind der Tag und die Nacht, deren Aufeinanderfolge die Dauer unseres Lebens aufbraucht: der Drache ist das unvermeidliche Ende, das uns alle erwartet: der Honig ist das Vergnügen der Sinne, deren heuchlerische Süße uns verführt und uns vom Weg, den wir gehen werden, ablenkt.

In orientalischen Fassungen des 13. Jahrhunderts, im Gedicht ‘Jelâl-ed-dîn’ und in der 68. Fabel des Barachia Nikdani wurden die vier Schlangen aufgegeben, aus dem Elefanten ein Kamel bzw. ein Löwe.

Auffallend ist, daß im christlichen Text das Einhorn den Elefanten ersetzt hat, da es in der christlichen Symbolik des Physiologus für Christus steht. Sollte es schon in der Vorlage des christlichen Verfassers vorhanden gewesen sein?

Die Übereinstimmungen des Legenden-Mythos mit dem altnordischen Yggdrasil-Mythos, die Idee des Weltenbaumes, der triefende Honig, das Wurzelnagen und die vier Tiere könnten vom Einfluß christlicher Literatur auf die einheimische Überlieferung des Nordens herrühren, wenn man hier nicht eine zufällige Übereinstimmung vermutet.

Friedrich Rückert verdanken wir die Parabel, auch bekannt als ‘Es ging ein Mann im Syrerland ’, in der ein Kamel an dem Sturz in den Brunnen schuld ist.

Das Einhorn als Sinnbild des Todes ist ansonsten kaum anzutreffen. Ein frühneuzeitliches Sprichwort wünscht langes Leben: Daß dich der Einhurn in diesem Jar nit stoß’ und in vilen Jaren nit!

Umfassenden Beiträge zu diesem Thema finden sie in

Jürgen Werinhard Einhorn OFM
Das Einhorn als Sinnzeichen des Todes
Die Parabel vom Mann im Abgrund
Frühmittelalterliche Studien
Jahrbuch des Instituts für Frühmittelalterforschung der Universität Münster
6. Band, Berlin, 1972 - S. 381 ff

und in

Ernst Kuhn
Der Mann im Brunnen
Geschichte eines indischen Gleichnisses
Stuttgart, 1888