Der Physiologus

Das Einhorn kann von den Jägern nicht bezwungen werden und läßt sich nur durch eine reine Jungfrau fangen. Dies bezeichnet, daß Christus, mächtiger als alle himmlischen Mächte, in den Schoß der heiligen Jungfrau herabkam, um die Menschheit anzunehmen.

Vom Physiologus gibt es wohl  vier unterschiedliche Ausgaben:
Die früheste (3. Jh.) handelt im 22. Kapitel vom Einhorn,
die “byzantinische” (11. Jh.) besitzt kein Einhorn-Kapitel
die “Pseudo-Basiliana” (11. Jh) handelt im 2. Kapitel vom Einhorn
die vierte Ausgabe ist gereimt und basiert auf den Ausgaben 1 und 2.

Die Beschreibung des Einhorns im Physiologus steht im Widerspruch zur antiken Überlieferung (Ktesias, Megasthenes, Agatharchides). Der Fang durch die Jungfrau kann auf eine frühere orientalische Überlieferung basieren, nach der das Nashorn (oder der Elefant) durch Wohlgerüche oder eine schöngekleidete Jungfrau zu fangen ist.

In den nachvedischen und buddhistischen Fassungen der
Rsyasrnga-Sage (auch Ekasrnga oder Isisingo) aus dem Rama-Sagenkreis wird dieser als gazellenhörnig - daher auch sein Name - beschrieben, in der Mahabharata und in den buddhistischen Sanskritfassungen als einhörnig beschrieben ist. In den letzteren wird er Ekasrnga - der Einhörnige - genannt. Die Rsyasrnga-Sage könnte, wie auch die Legende von Barlaam und Josaphat, ins Abendland gewandert sein.

Eine seltene Tierart, das Markhor (Suleiman-Schraubenziege) aus dem Pundschab, Pakistan, Capra falconeri jerdoni, kommt den Beschreibungen im Physiologus am nächsten. Diese Bergziege hat ein eng gestelltes und korkenzieherartig gedrehtes Gehörn
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