Hildegard

Die Hl. Hildegard von Bingen berichtet:

Das Einhorn ist mehr warm als kalt, sehr stark, nährt sich von reinen Kräutern und macht beim Laufen Sprünge. Es scheut den Menschen und alle anderen Tiere, die nicht zu seiner Art gehören, es kann daher nur schwer gefangen werden. Namentlich fürchtet es sehr den Mann und weicht ihm aus, nähert sich aber dem Weib. Es war einmal ein Philosoph, ein Zoologe, welcher das das Einhorn auf keine Weise fangen konnte. Einst ging er auf die Jagd in Begleitung von Männern, Frauen und jungen Mädchen, letztere blieben zurück und spielten mit Blumen. Das Einhorn, diese erspähend, hielt in seinen Sprüngen inne, setzte sich auf die Hinterbeine und starrte sie unaufhörlich an. Der Philosoph betrachtete sich die Sache und sah ein, daß das Tier mit Hilfe der jungen Mädchen zu fangen sei, schlich sich von hinten heran und griff es. Das Einhorn wunderte sich nämlich beim Anblicke der jungen Mädchen, daß sie keinen Bart trotz der menschlichen Gestalt haben, und wenn ihrer zwei oder drei sind, dann ist sein Staunen um so größer und der Fang um so leichter. Es müssen aber vornehme Frauen und nicht Bauerndirnen sein. Unterhalb des Hornes befindet sich ein Erz, so durchsichtig, daß man sich darin spiegeln kann, aber ohne Wert. Die Leber wird gegen Aussatz und ähnliche Leiden angewandt; ein aus der Haut geschnittener Gürtel schützt gegen Pest und Fieber. Ein unter das Eß- oder Trinkgeschirr gelegter Huf läßt bei warmen Speisen und Getränken durch Heißwerden, bei kalten durch Rauchen erkennen, ob Gift beigemischt ist.