Karkadann

Karkadann

oder
Karkaddan

ist der gebräuchliche arabische Name für das Rhinozeros. Die erste schriftliche Erwähnung dürfte das in der ersten Hälfte des 13. Jh. vermutlich in Bagdad geschriebene und gezeichnete N a’t al-hayawân wa-manâfi’uhu sein, ein zoologisches Manuskript einer Übersetzung der Werke des Aristoteles und des ‘Ubaid Allâh b. Jibrîl b. Bukhtîshû (Bokhtyeshû)’. Das abgebildete seltsame antilopenähnliche geflügelte Tier mit einem Stirnhorn wird dort als Kardunn

bezeichnet, einer Variante des Wortes Karkadann. Andere Varianten sind:

Karkand
oder
Karakand

mit der
weiblichen
form
Karkanda

Karkadân

Kazkazân

und die persischen Ausprägungen:

Karkadan

Kargadann

oder

Karg

Es existieren aber auch Lehnwörter aus anderen Sprachen:

al-himâr al-hindi, der”indische Esel”, ein Begriff des Aristoteles

al-Qarnî al-Anf, “das Horn an der Nase”, eine arabische Wiedergabe des

griechischen

 (rinokeros)

al-Bishân (al-mu’lam)

und
Ganda

haben ihre Wurzeln im Sanskrit. Das Karg bestätigt sich im Sanskrit khagda (Schwert, Rhinozeroshorn, Rhinozeros) und khadgin (Rhinozeros, literarisch: “ein Horn habend”), das Karkadan im khagdga-dhenu (weibl. Rhinozeros). In der Sung Epoche Chinas war der westliche Name des Rhinozeros als ker-ka bekannt, offensichtlich eine chinesische Wiedergabe des Karg. Das al-Bishân könnte seine Wurzeln im chinesischen Wort für das Horn p’i-sha-na; in einem chinesischen Cham-Vokabular heißt das Horn basan.

Ibn Fadlân beschreibt 922 in den Volga Bulgars das Karkadann : “Das Tier ist kleiner als ein Kamel und größer als ein Stier. Sein Kopf ist der eines Kamels, sein Schwanz der eines Stiers und sein Körper der eines Maulesels. Seine Füße sind die Hufe eines Stiers. Auf der Mitte seines Kopfes trägt es ein einzelnes, dickes und rundes Horn, das zur Spitze hin schmäler wird. ...”

Nach al-Qazwînî liebt das Karkadann die Ringeltaube (

fâkhita)

und verweilt unter dem Baum, in welchem der Vogel nistet und erfreut sich an seinem Girren. Deshalb wurde das Tier liegend und dem Gesang der kleinen Vögel im Baum lauschend gesehen. Wenn sich ein Vogel auf seinem Horn niederläßt, dann bewegt das Karkadann sein Haupt nicht, um zu verhindern, daß er verschreckt wird.

Soweit bekannt, war es al_Jâhîz, der folgende Geschichte nicht ohne Zweifel an der Wahrheit in die muslimische Literatur einführte: Kurz vor seiner Geburt steckt das ungeborene Karkadann seinen Kopf aus dem Mutterleib und frißt Baumzweige ab. Wenn es satt ist, zieht es seinen Kopf wieder an den gewohnten Platz zurück.

Obwohl das Karkadann oft mit Flügeln abgebildet wird, werden diese in den Texten nicht erwähnt. Es wird als außerordentlich stark, wild und selten beschrieben mit Qualitäten, die es zu den Monstern zählen lassen. Viele glaubten, das es sich nicht nur um ein exotisches, sondern um ein imaginäres Tier handelt, wie es al-Jâziz andeutet. Deshalb gaben ihm die Künstler in ihrer Vorstellung die gleichen Merkmale, die sie auch den Sphinxen und Greifen gaben.

Beschrieben werden Kämpfe des Karkadanns mit Löwen, Elefanten und anderen Tieren. Nach al-Qazwînî kann sich das Karkadann, wenn es den Elefanten überwältigt hat, nicht mehr von ihm befreien, so daß beide sterben. Nach al-Jâziz bemerkt das Karkadann den Tod des aufgespießten Elefanten erst, wenn er bereits verwest. Nach al-Mustawfî fließt das Fett des Elefanten in die Augen des Karkadanns, wodurch es erblindet und beide sterben. Diese Version wird in der zweiten Reise von Sindbad dem Seefahrer in den Arabischen Nächten (Märchen aus 1001 Nacht) übernommen: Nachdem das Karkadann durch das in der Hitze der Sonne schmelzende Fett des Elefanten blind geworden war, legt es sich an der

Küste nieder und der sagenhafte Riesenvogel Rukh

kommt, ergreift beide mit seinen Krallen und füttert mit ihnen seine Jungen. Al-Nuwairî glaubt, daß das Horn des Karkadanns giftig sei und dies den Elefanten töten würde. Durch das nun ebenfalls giftig gewordene Blut ist es nun ebenfalls verdammt.
 

Von allen mittelalterlichen Autoren gibt allein al-Bîrûnî in seinem Buch über Indien eine exakte Beschreibung eines Rhinozerosses wieder: “Es ist von der Statur eines Stieres, hat eine schwarze, schuppige Haut, ein Hautlappen hängt vom Kinn herab. Es hat drei gelbe Hufe an jedem Fuß, der größte von ihnen vorne, die anderen an beiden Seiten. Der Schwanz ist nicht lang. Die Augen liegen flach, die Wangen liegen weiter unten als alle anderen Tiere. Auf der Nasenspitze ist ein nach oben gerichtetes einzelnes Horn. ...” Er beschreibt aber auch ein zweihörniges Monster, größer als ein Rhonozeros und dem Aussehen eines Büffels mit vier Beinen und auf dem Rücken etwas, das wie vier nach oben gerichtete Füße aussieht. Es wird arabisch

Sharav

genannt, in Sanskrit sarabha, wo es zunächst eine Art Hirsch bedeutete, in späterer Zeit ein fabulöses Tier, von dem vermutet wurde, es habe acht Beine, bewohne verschneite Berge und sei stärker als Löwe und Elefant. Von diesem achtbeinigen Monster berichtet die Mahâbhârata. Al-Mustawfî nennt dieses Tier Rukh. Eine Verwechslung des Karkadann, des größten Landtieres mit dem Rukh, auch Anqâ oder Sîmurg genannt, des größten Vogels, geschah öfters, möglicherweise über ihren gemeinsamen Feind, dem Elefanten.

Es gibt auch eine gewisse Verwandschaft des Karkadann mit dem Löwen. So sprechen einige Passagen des ‘Shânâmah’ von den Löwenklauen des Karg. Das ‘Ajâ’ib al-makhlûqât’ behauptet, das Karkadann hat das Haupt und die Füße eines Löwen.

Legendäre Helden, die das Karkadann töteten, sind in der Shâh-nâmah erwähnt und dort abgebildet:
Als Mîrîn, ein Adeliger des Landes Rûm, um die Hand der zweiten Tochter Caesars anhielt, war dieser einverstanden, wenn er das Monster töten würde. Dieser Aufgabe nicht gewachsen, gewann er die Hilfe des in das Land Rûm verbannten Gushtâsp, der zu Fuß die Bestie für Mîrîn erlegte, ohne das Geheimnis zu offenbaren.
Gushtâsps Sohn Isfandiyâr tötete zwei dieser Tiere als erste von sieben Heldentaten, die er auf dem Weg zum Eisernen Schloß zu bestehen hatte, wo seine Schwestern gefangen gehalten wurden.

Marvazî erzählt uns einen Weg, das Rhinozeros zu jagen, indem man sich selbst hinter einem großen Baum versteckt, den das Tier nicht herausreißen oder umwerfen kann, dann schreit man laut und erzürnt es. Es rennt gegen den Baum und stößt sein Horn hinein. Unfähig, sein Horn wieder herauszuziehen, kommt man rasch hinter dem Baum hervor und tötet es. Diese List erzählen
Martin Montanus und später die Brüder Grimm in ‘Das tapfere Schneiderlein’ . Shakespeare sagt in Julius Caesar, II. Akt, 1. Szene, Einhörnern nach, daß sie von Bäumen verraten werden können. Im Brief des Priesters Johannes ist es ein Löwe, der mit dieser Methode das Einhorn tötet, ebenso in Spencers ‘Faerie Queene’.

Die ‘Akhbâr al-Sîn wa’l-Hind’ ist die erste einer Vielzahl von Quellen die uns berichten, daß die Chinesen das Rhinozeroshorn, das nur aus miteinanderverklebten Haaren besteht, für wertvolle Gürtel verwenden. Dies bestätigt ‘Hsin T’ang shu’ (Die Geschichte der T’ang), nach der Beamte des dritten bis sechsten  Ranges Gürtelschnallen aus Rhinozeroshorn tragen. Die Qualität des Horns hängt von dem Muster ab, das nach dem Polieren des Horns erscheinen soll: die helle Figur eines Menschen, eines Pfaus, eines Fisches oder eines anderen Tieres auf dem dunklen Hintergrund. Viele Autoren nach Ibn Khordâdhbeh glauben, daß diese Figuren inwendig gefunden werden können, wenn man das Horn spaltet.

Neben dem Horn wird laut Ibn Bukhtîshû die Galle für Räucherungen gegen üble Gerüche verwendet. Das linke Auge hilft laut al-Qazwînî und al-Damîrî gegen Schüttelfrost und laut al-Damîrî gegen Skorpionstiche. Al-Qazwînî und al-Damîrî empfehlen das rechte Auge als Talisman gegen Schmerzen, Jinns und Dämonen. Al-Qazwînî, al-Mustawfî und al-Damîrî halten das Horn und besonders seine legendären Auswüchse für ein besonders effektives Heilmittel gegen Koliken und Wehenschmerzen, bei Epilepsie, Lähmungen und Muskelkrämpfen, nach al-Damîrî auch gegen Augenerkrankungen und es soll Knoten lösen, heißes Wasser abkühlen und Pferde vor Fehltritten bewahren. Al-Qazwînî demonstriert die Macht der Magie des Horns in einer Erzählung, nach der der Abrieb vom Horn , besser dessen Auswüchsen, vermischt mit Staub gegen eine Räuberbande geworfen wurde und diese dadurch gehindert wurden, ihr Lager zu verlassen und eine Karawane zu überfallen. Der gleiche Autor, gefolgt von al-Mustawfî, erzählt, daß das Horn in der Nähe eines vergifteten Essens oder Getränks die Kraft des Giftes bricht. Nach al-Wardî werden Messergriffe aus Horn in der Nähe von vergiftetem Essen feucht und unruhig.

Eine Fundgrube besonders für Ausflüge in die muslimische Ikonographie ist
Richard Ettinghausen, The Unicorn