Parzival

Das Einhorn und der Karfunkelstein
Wolfram von Eschenbach, Parzival

Im Zentrum des großen Epos (um 1200) wird von vielen vergeblichen Versuchen berichtet, dann auch nach dem Leitfaden des Physiologus, die unheilbare Wunde des Gralskönigs zu heilen. Erst die Frage des Parzival “oeheim, waz wirret dir?” bringt endlich die Erlösung.

...
Sein Minneverlangen zwang Anfortas, König und Herrscher des Grals, allein auf Abenteuer auszureiten. Bei einer Tjoste wurde er von einem Heiden aus dem Land Ethnise, dort wo der Tigris aus dem Paradiese strömt,  durch einen vergifteten Speer an den Hoden so verwundet, daß er bleich heimkehrte und ihm seine Kraft entwichen war. Den Heiden, der den Gral mit seiner Kraft erringen wollte, hatte er übrigens erschlagen. Man trug den König sogleich vor den Gral, ob Gott helfen wolle. Als der König den Gral sah, geschah ihm ein zweites Leid: er konnte nicht sterben. Des Königs Wunde hatte zu eitern begonnen. Man las alle Arztbücher, die man bekommen konnte, aber sie gaben keine Hilfe.Wir suchten Hilfe bei den vier Flüssem, die aus dem Paradiese strömen, bei Gehon, Phison, Euphrates und Tigris .
...
Ein vogel heizt pellicânus:
swenne der fruht gewinnet,
alze sêre er die minnet:
in twinget sîner triwe gelust
daz er bîzet durch sîn selbes brust,
unt laetz bluot den jungen in den munt:
er stirbet an der selben stunt.
do gewonnen wir des vogles bluot,
ob uns sîn triwe waere guot,
unt strichens an die wunden
sô wir beste kunden.
    daz moht uns niht gehelfen sus.

- Es gibt einen Vogel Pelikan. Sobald der Junge hat, minnt er sie überaus. Der Drang seiner Treue zwingt ihn, sich in die eigene Brust zu beißen und den Jungen das Blut in den Schnabel rinnen zu lassen. Er selbst stirbt darüber. Wir verschafften uns dieses Vogels Blut, ob vielleicht auch uns seine Treue gut täte, und strichen es, so gut wir irgend konnten, an die Wunde. Aber auch das halt nicht.

ein tier heizt monîcirus:
daz erkennt der meide rein sô grôz
daz ez slaefet ûf der meide schôz.
wir gewunn des tieres herzen
über des küneges smerzen.
wir nâmen den karfunkelstein
ûf des selben tieres hirnbein,
Der dâ wehset under sîne horn.
wir bestrichen die wunden vorn,
und besouften den stein drinne gar:
die wunde was et lüppec var.

- Es gibt ein Tier Monocirus (Monokeros - Einhorn), das wird von der Reinheit der Jungfrauen so sehr angezogen, daß es auf dem Schoß der Jungfrauen einschläft. Von dessen Herz nahmen wir ein Stück, um des Königs Schmerz zu heilen. Wir nahmen auch den Karfunkelstein, der unter jenes Tieres Horn auf dem Stirnknochen wächst. Mit diesem Stein bestrichen wir den Rand der Wunde, wir legten den Stein sogar in sie hinein, da die Wunde giftig zu sein schien. Uns selbst tat es weh wie dem Könige. - ...

- Wir knieten vor dem Grale. Da sahen wir einstmals darauf geschrieben, daß ein Ritter kommen sollte - wenn man den eine Frage tun hörte, so würde der Kummer ein Ende haben. Doch weder Kind noch Magd noch Mann dürfte ihn zu der Frage veranlassen, denn sonst würde die Frage nicht helfen, sondern der Schaden würde bleiben wie zuvor und noch heftiger schmerzen.Die Schrift sagte: ‘Habt ihr es wohl vernommen? Wenn Ihr ihm zu verstehen gebt, daß er fragen solle, so richtet ihr damit Schaden an! Fragt er nicht gleich am ersten Abend, so zergeht die Macht seiner Frage.Wird aber seine Frage zur rechten Zeit gestellt, so soll er das Gralsreich haben, und der Kummer wird ein Ende nehmen durch des Höchsten Hand. Damit ist alsbald Anfortas wieder gesund, aber er soll dann nicht mehr König sein.’ So also lasen wir es auf dem Grale, daß des Anfortas Qual ein Ende nähme, sobald die Frage geschähe. ...

Inzwischen kam in der Tat ein Ritter (Parzival) zur Gralsburg geritten - ich sagte Dir vorhin schon von ihm. Er wäre besser nicht gekommen! Unpreis gewann er, weil er zwar den wahren Kummer sah, aber trotzdem nicht zu dem Wirte sagte: ‘Herr, wie steht es um Eure Not?’ Da seine Tumpheit ihm gebot, nicht zu fragen, verlor er träge sein großes Glück.


Nach der Prosaübertragung aus dem Mittelhochdeutschen von Wilhelm Stapel

Den Karfunkelsteins übernahm Otfried Preußler in:

Das Märchen vom Einhorn

Es waren einmal drei Brüder, die wollten das Einhorn fangen.

“Sein Horn ist aus Elfenbein.” sagte der Dicke. “Die Hufe sind reines Gold, auf der Stirn trägt es einen Stern von Karfunkelstein.”

“Wenn wir’s erlegen”, sagte der Dünne, “werden wir reich sein und haben für unser Lebtag ausgesorgt.”

...
Erschienen bei Thienemann mit wunderschönen Illustrationen von Gennadij Spirin.

Als mataphorisches Tier wird das Einhorn in Wolframs Parzival ein zweites Mal erwähnt, als Orgeluse über Cidegast, ihrem Geliebten, zu Gawan sagt:

...
Herr, wenn ich Euch die Not offenbare, die ich im Herzen trage, so werdet Ihr erkennen, daß ich mehr Jammer in meinen Leben gewonnen habe als Ihr. Wenn ich mich töricht und heftig gegen einen andern gebärde, so sollte er es mir freundlich verzeihn. Nie kann ich
mehr Freude verlieren, als ich an Zidegast, dem Herrlichsten von allen, verloren habe.

Mîn clâre süeze beâ âmîs,
sô durchliuhtic was sîn prîs
mit rehter werdekeite ger,
ez  waere dirre oder der,
die muoter ie gebâren
bî sîner zîte jâren,
die muosn im jehen werdekeit
die ander prîs nie überstreit.
er was ein quecprunne der tugent,
mit alsô berhafter jugent
bewart vor valscher pfliehte.
ûz der vinster gein dem liehte
het er sich enblecket,
sînen prîs sô hôch gestecket,
daz in niemen kunde erreichen,
den valscheit möhte erweichen.
sîn prîs hôch wahsen kunde,
daz d’andern wâren drunde,
ûz sînes herzen kernen.
wie louft ob al den sternen
der snelle Sâturnus?
der truiwe ein monîzirus,
sît ich die wârheit sprechen kan,
sus was mîn erwünschet man.
daz tier die meide solten klagn:
es wirt durch reinekeit erslagn.
ich was sîn herze, er was mîn lîp:
den vlôs ich flüstebaerez wîp.
in sluoc der künec Gramoflanz,
von dem ir füret disen kranz.

Mein edler, lieber
beau Ami, so durchleuchtig war sein Ruhmesglanz und sein Bemühen um wahren Wert - wen auch immer eine Mutter zu den Zeiten, da er lebte, geboren hatte, jedweder mußte ihm die höchste Ehre lassen, die keines anderen Ruhmüberwältigte. Ein Quickborn war er aller Tüchtigkeit. Seine Jugend trug nur edle Früchte, sie hatte nie teil an unredlichen Dingen. Aus dem Dunkeln hatte er sich dem Licht entgegengestreckt. Das Ehrenziel steckte er sich so hoch, daß es keiner von denen zu erreichen imstande war, deren Härte durch Treulosigkeit erweicht werden kann. Aus seines Herzens Kern wuchs sein Wert so hoch, daß die anderen weit unter ihm blieben. Wie läuft doch der schnelle Saturn hoch über allen Sternen! Ein Einhorn der Treu - ich darf ja nun die Wahrheit sagen - war der Mann, der meiner Wünsche Ziel war. Um dieses Einhorn sollen die Mädchen klagen. Denn um seiner Reinheit willen muß es den Tod erleiden. Ich war sein Herz, er war mein Leben. Ach, ich verlorenes Weib hab’ ihn verloren! Der König Gramoflanz, dessen Kranz ihr tragt, war es, der ihn erschlug.
...


Nach der Prosaübertragung aus dem Mittelhochdeutschen von Wilhelm Stapel