Priesterkönig Johannes

Johannes de Montevilla erzählt im Reisebericht (Cambridger Handschrift) vom Kampf des Einhorns mit dem Löwen im Land des Priesterkönigs Johannes, einem geänderten Motiv einer Äsopschen Fabel, in welcher ein Hirsch auf der Flucht vor einem Löwen oder einem Jäger mit dem Geweih in den Zweigen eines Baumes hängen bleibt. Die österreichische Reimfassung der Münchener Handschrift berichtet von den ‘weizzen achörn’ und in der Cambridger Handschrift bleibt das Horn des Einhorns im Baum stecken. Der “Wegkürzer” aus den Schwankbüchern von Martin Montanus und später die Gebr. Grimm mit dem Märchen “Das tapfere Schneiderlein” greifen dieses Motiv erzählerisch auf.

Die seltsame Sage von einem christlichen König, Presbyter oder Priester Johannes war im 12. und 13. Jahrhundert in Europa verbreitet. Die erste Nachricht gelangte durch den syrischen Bischof von Gabala 1145 an Papst Eugen III.: Ein Nachkomme der heiligen drei Könige habe mit den Herrschern von Medien und Persien einen Krieg begonnen und ihre Hauptstadt Ekbatana erobert. Auf dem Marsch nach Jerusalem habe er am Tigris durch eine Krankheit in seinem Heer den Rückzug antreten müssen. Der als Priester Johannes bezeichnete Eroberer war der Gründer des Reiches Kara Khitai, welches in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Asien existierte. Ein Prinz Yeliu Taschi der Khitan-Dynastie Liao, der 1125 von den Kin aus dem nördlichen China vertrieben worden war und mit Hilfe der Uiguren und anderen Völkern seine Herrschaft bis Ost- und Westturkestan ausgedehnt hatte. Er nahm den Titel Gurkhan und gründete bei Bala Sagun im Norden Tien-schan die Hauptstadt seines Reiches Kara Khitai. 1141 schlug er, dem König von Chuaresm zu Hilfe kommend, das Heer des Seldschukenfürsten Sanjar von Persien. Im ersten Buch, 45. Kapitel, der Reiseberichte Marco Polos erwähnt dieser einen Unkhan der Tartaren, den Priester Johannes.

Als in späteren Jahrhunderten mit der genaueren Kenntnis Asiens Zweifel an den Priesterkönig Johannes aufkamen, glaubte man ihn in Ostafrika und Äthiopien ansässig, später in Abessinien, welches noch im 17. Jahrhundert regnum Presbyteri Johannis hieß.