Weltchronik

“Richter Got, herre ubir alle kraft”, beginnt die unvollendet gebliebene Weltchronik des Rudolf von Ems, geschrieben um 1250 auf Geheiß von Konrad V. Sie erzählt von der Erschaffung der Welt bis zu König Salomon. Dem Einhorn gilt eine weltbedeutende Aufgabe - die Probe der Jungfräulichkeit. Schon ein althochdeutscher Physiologus berichtet, das nur eine “uuarhafto magit” dem Einhorn begegne.

In disin selbin landin gant
rindir dú drú horn hant,
und rosse fuezze sinewel:
dú sint ouh starch, ummazen snel,
so si beginnent zúrnin.
    Da sint ouh einhúrnin:
des inder welte nieman
mit mannis kraft betwingin kan,
so starch ist er und alse balt.
sin lip ist alse ein ros gestalt.
hirzis houbit hat er vor,
das treit er vientlich embor.
sine site sint unsueze.
en treit helfandis fueze.
er ist gazagil als ein swin.
emmitten an der stirnin sin
hat er ein horn reht als ein glas,
vier fueze lanc, als ich ez las:
vor dem kan sih niht irwern
noh mit dekeinir wer genern:
alse úbil ist das selbe tier,
so starch, so zuernic und so fier
ist ez und also unverzaget
das ez nit wand ein reinú magit
gevahin mag: swie das geschiht
das ez die magt vor im irsicht
sitzen, so wirt sin milte groz:
ez leit sin houbit in ir schoz
und ruowet bi ir schone,
ir kúschekeit ze lone:
sus vahet man in uf der lip.
ist abir das si ist ein wip
und megde namin ir selbin giht,
so lat er si genesin niht:
und zeigit an ir grozin zorn:
durh si so stichet er das horn
und richet an ir die valscheit
die ir von ir selbir seit.