Stammbuchbilder

Aus den tiefsten Wurzeln in den “libri gentilitii”, den Stamm- oder Wappenbüchern des Adels im Mittelalter und über die studentischen Stammbücher der frühen 1540-er Jahre im reformatorischen Umfeld von Wittenberg, der damals bedeutendsten deutschen Universitätsstadt, verbreiteten sich die mit Bildern und Texten verzierten persönlichen Bucheinträge in ganz Europa. Bibeln mit beonders vielen leeren Blättern entstanden hierfür. Im 16. Jahrhundert stellen findige Verleger einfache Drucke mit Schmuckbordüren, Porträtmedaillons antiker und zeitgenössischer Berühmtheiten und Sinnsprüche eigens zum Einlegen in Bibeln und Alben her. Hält sich bis um die Zeit des 30-jährigen Krieges die Sitte, für die Eintragung von Widmungen eigens dafür gestaltete gedruckte Bücher zu verwenden, so setzen sich dann Alben mit durchgängig leeren Blättern durch. Im 16. und 17. Jahrhundert diente das Stammbuch den Studenten, ihre Ausbildung an den Universitäten in verschiedenen Städten und ihre Bildungsreisen in andere Ländern festzuhalten. Bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein enthält es auch einen Platz für Eintragungen von Verwandten, Freunden, Gönnern, Professoren und Bekannten, denn gerade in der Zeit der Wanderungen und der Suche nach dem richtigen Lebensziel wird meist beim Abschied um ein handschriftliches Andenken und eine persönliche Erinnerung gebeten. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts übernemen auch junge Adlige und Patrizier auf ihrer Kavalierstour zu Kulturstätten Europas zum Abschluß ihrer Ausbildung dise Sitte, um im Stammbuch ihre Weltoffenheit und Welterfahrung zu demonstrieren. Dann greifen reisende Diplomaten und Kaufleute sowie wandernde Handwerksgesellen und sogar Militärs und Musiker diese neue Mode auf. Vereinzelt führen es bereits im 16. Jahrhundert auch junge Frauen der höfischen Gesellschaft als Besucherbücher, in denen sich die Gäste der Eltern verewigen, da Reisen bei ihnen eher die Ausnahme darstellt. Im späten 16. Jahrhundert werden bereits ganz selten Stammbücher für Kinder - meist für männliche Nachkommen - angelegt. Das Stammbuch ist zur Selbstdarstellung der Familie und der Persönlichkeit gedacht. Es erfährt erst wieder im 18. Jahrhundert eine Belebung und erreicht eine neue Blütezeit zwischen 1790 und 1850. Das Stammbuch wird nun vom Bürgertum freudig aufgegriffen. Damit verlieren sich auch die Eintragungen in Griechisch, Latein und Hebräisch, denn es wird nun verstärkt die deutsche Sprache verwendet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden die Eintragungen von einem aufkommenden neuen Freundschaftsideal bestimmt und die Erinnerungsbüchlein werden nun besonders von Frauen geführt. Statt von Künstlern werden sie nun persönlich gestaltet. Zu den Zeichnungen, Malereien und den gerade sehr modernen Scherenschnitten kommen nun ganz weibliche Beigaben wie gepresste Blumen, Stickereien mit Perlen, Haaren und Seidenbändern sowie Spitzenbilder zum Zeichen des Strebens nach Sittsamkeit, Tugend und Zielstrebigkeit. In der Biedermeierzeit wird es zu einem Element der Kultur des Bildungsbürgertums als Zeichen der Freundschaft, Liebe und Zusammengehörigkeit. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ziehen sich die Erwachsenen durch ein ernüchtertes bürgerliches Lebensgefühl immer mehr aus dem Kreis der Albenbesitzer zurück, bis sie nach weiteren 50 Jahren die Kinder ohne größere Einflussnahme der Eltern ihre Poesiealben selbst führen. In den 1920er Jahren heißen sie nun überwiegend Poesiealben, werden zur Modeerscheinung mit trivialen Eintragungen. In den 1990-er Jahren entsteht eine neue Form als Freundschaftsbuch mit Passbild und einer kurzen steckbriefartigen Abfrage persönliche Angaben wie Größe, Alter, Augenfarbe, Hobby, Lieblingsfilm, Traumberuf etc. Nur noch wenig Raum ist für Sprüche oder Verse vorgegeben. Die meisten Illustrationen sind bereits vorgedruckt. Trotzden tauchen auch heute noch immer Sprüche in den Poesiealben auf, die eher einem 150 Jahre altem Lebensgefühl entsprechen. Selbst die Wertvorstellungen einer DDR ließen noch Raum für Poesie:

Detail

Stammbuchbilder
DDR Planet-Verlag, Berlin
III/9/48 A 24-3.962/82, 1271, EVP 0,17 M